mushouyagi

Logbuch des Experiments, das wir LEBEN nennen.

Die Maya, die Wissenschaft, der „Qualitätsjournalismus“ und der Weltuntergang (1/2)

- 24. Mai 2012

Eigentlich wollte ich einen Artikel schreiben, der von den jüngsten Entdeckungen des Wissenschaftlers William A. Saturno, den Maya-Kalender-Berechnungen und dem damit einhergehenden 2012-Zusammenhängen handelt. Dann habe ich den Fehler gemacht und im Internet recherchiert und versucht relevante Quellen zu entdecken.

Recht viele Ergebnisse konnte ich zu meinen Suchbegriffen nicht finden. Als Top-Link wurde mir sogleich der entsprechende Artikel 1. auf Bild-Online und 2. auf Welt-Online angeboten. Bei Bild-Online lässt mir der Kurzmeldungstext a’la „Am 21. Dezember 2012 soll die Welt untergehen – sagt zumindest der älteste bislang bekannte Maya-Kalender. Alles ein großer Irrtum? Forscher haben jetzt einen 400 Jahre älteren Maya-Kalender entziffert.“ gleich die Galle überlaufen. Bei Welt-Online reicht dazu schon die Überschrift „Neuer Mayakalender verschiebt Weltuntergang„. Der folgende Kurzmeldungstext lautet dort: „Man kann sich auf nichts mehr verlassen – auch nicht auf einen angekündigten Weltuntergang. In Guatemala wurde jetzt ein Maya-Kalender entdeckt, der weit über den 21. Dezember 2012 hinausreicht.

Was sind das denn für Leute, die für diese „Magazine“ solche Artikel schreiben? Sind die noch ganz fit, glauben die wirklich an das was sie da tun oder sind sie intelligente Menschen, die sich hämisch die Hände reiben, wenn sie den Lesern mal wieder grandios verdrehten Bullshit aufs Brot schmieren? Ich weiß es nicht! Fakt ist aber, dass selbst Leute, die ich für zumindest ausreichend intelligent hielt, auf diese Schmierblattsprüchen herumreiten bzw. sich dann folgend drüber lustig machen, wie dämlich das denn alles ist, aber trotzdem keinen blassen Schimmer von den tatsächlichen Hintergründen haben – und sich auch nicht dafür interessieren. Das alles lässt mein Misanthropiemeter auf 180 schnellen.

Nächster Fragenkomplex: Hat es überhaupt einen Sinn eine aufklärenden Artikel über die Hintergründe zu schreiben, wenn dieser Bullshit Teil des öffentlich akzeptierten Narrativs ist? Ist es nicht nur verschwendete Liebesmüh, zu versuchen, die Sache mit den Mayas und ihren Kalendersystemen darzustellen, wenn der Stumpfsinn der Leute doch nur auf möglichst spekulative Abenteuergeschichten ausgerichtet ist? Ich könnte mir diesen Umstand höchstens zunutze machen und eine eben solche abliefern:

Der honore Maya-Forscher William A. Saturno, von der renomierten Bosten Uni, begab sich also in bester „Indiana Jones“-Manier, bewaffnet mit Schlapphut und Elefantenlederpeitsche, in den guatemalischen Dschungel, eigentlich auf der Jagd nach dem verlorenen Kristallschädel. Einem alten, fast zugewachsenen Schmuggler- und Kunsträuberpfad folgend, entdeckte er rein zufällig ein paar nicht ganz so stark verfallene Hütten aus der geheimnisvollen, klassischen Periode der Maya-Kultur.

Die Dächer dieser Hütten waren, entgegen den sonstigen Gepflogenheiten, aus Stein und auch nicht eingestürzt, so dass die an den Wänden vorgefundenen Graffiti (was zwar eigentlich römische Schmierereien bezeichnet, aber was solls) ebenfalls noch recht gut erhalten waren. Wie es sich für einen ordentlichen Maya-Abenteurer gehört, kann Saturno die Hieroglyphen (hier die mayanischen, nicht die ägyptischen) natürlich fließend lesen, aussprechen und direkt ins US-amerikanische Englisch übersetzen.

Beim Schmökern in den Schmierereien, die immer wieder auch lebensgroße, Banksyeske Comics von Herrschern und Gelehrten zeigen, stellte er nun ziemlich schnell fest, dass es sich 1. um endlose Zahlenreihen und 2. um Kalenderblätter handelt, die da jemand beginnend vor rund 1200 Jahren hin gezeichnet hat. Die Kalenderblätter zählen nun aber keine Tage oder Wochen, sondern echte Monate, also die 29,5 Tage dauernden Mondzyklen.

Zeitblende – irgendwann um das Jahr 750: Ein Mann mit dunkler Haut steht mit archaischem Federzeugs geschmückt beim Schein einer Fackel vor der Wand und pinselt munter drauf los. Zwischendurch wirft er immer wieder einen Blick durch einen schmalen Fensterspalt im oberen Bereich der gegenüberliegenden Wand und beobachtet dadurch den Stand der Sterne am völlig klaren Firmament. Dann legt er seine Stirn in Falten, denkt kurz angestrengt nach und pinselt weiter.

Das was er da an die Wand malt sind nicht nur Mondphasen, sonder er versucht, indem er die Mondphasen zu je ca. 178 Tagen zu gruppiert, die nächste Sonnenfinsternis zu berechnen. Das ist natürlich dazu nötig, damit fristgerecht die nächste Opferung von noch schlagenden Jungfrauenherzen, gemordet und entnommen auf den Stufen von großen Pyramiden in blutrünstigen Ritualen, stattfinden kann – wie üblich. Das dient dann vorallem der grausamen, verschwörerischen Priesterkaste dazu „die Götter zu besänftigen“ bzw. das Volk einzuschüchtern – und frische Jungfrauenkadaver zu verspeisen.

Das interessante an der ganze Berechnungsorgie des Mannes mit der dunkler Haut und dem archaischem Federschmuck ist nun, dass er seine Berechnungen weit über das Ende bzw. den Neustart des bei den Maya verwendeten großen Kalenders (lange Zählung) hinausführt. Statt nach dem Ende des 13. B’ak’tun inne zu halten, rechnet munter weiter bis weit ins 17. B’ak’tun hinein. Übertragen würde das etwas so sein, als rechne man einen gregoriansichen Kalender nicht nur bis 31. Dezember 2012 sondern bis ins Jahr 4000.

Bei dieser Feststellung, wundert sich sich unser Indiana William aber überhaupt kein bisschen, weil er weiß dass die Maya verschiedene Kalendersysteme verwendeten und auch der Zählung bis zum 20. B’ak’tun oder darüber hinaus nicht abgeneigt waren. Er weiß auch, dass der große Mayakalender nicht dem gern für diesbezüglichen Abbildung verwendeten Sonnenstein entspricht, da dieser von den Azteken stammt.

Weil er jedoch über seinen durchaus bedeuteten, bisher einzigartigen Fund aus der klassichen Periode der Maya sehr erfreut ist, schreibt und veröffentlicht er einen Artikel im tonangebenden Wissenschaftsmagazin „Science“. Daraufhin reitet eine Welle von Sekundärveröffentlichungen um die Welt, die dann wiederum von Dritten, Vierten und Fünften adaptiert und interpretiert wurde.

Irgendwem ist dann auch die Verbindung zum Ende bzw. Neustart des großen Kalenders am 21.12.2012 aufgefallen und er hat unseren Saturno zu einem Interview eingeladen. Dort dazu befragt hat sich der ansonsten eigentlich durchweg völlig nicht „Indiana Jones“-mäßige Wissenschaftler dazu hinreißen lassen, irgendetwas über den durch seine Entdeckung nun hinfälligen Weltuntergang zu sagen.

Die Welle des seit Jahren von Idioten verkündete Weltuntergang zum 21.12.2012 (und aller sich darum gruppierenden Mythen und Verschwörungstheorien) wurde nun prompt, angetrieben von der Regebogenpresse und anderen „Qualitätsjournalisten“, von einer Welle der Häme von jenen anderen Idioten überrollt, die diese Untergangsbeschwörungen als „unwissenschatliche Idiotie“ hinstellen. Dass sie damit genau so „unwissenschaftlich idiotisch“ handeln, ist ihnen anscheinend kaum bewusst.

Es ist wohl müßig sich weiter mit den unterschiedlichen Idioten der pro- und contra-Lager aufzuhalten. Wir müssen also auf die Ebene der Vernunft wechseln und nach zuverlässigen Quellen suchen. Das aber will ich mir für den zweiten Teil der Geschichte aufheben.

t.b.c.

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